Bd. I · Heft 03 · Mai 2026 Redaktion Etat ·
Etat Magazin für städtische Kulturpolitik, EU-Kulturförderung und Kulturhauptstadt-Bewerbungen DACH — I.III —
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EU-Programm · Mai 2026

ECoC seit Athen 1985 und der Melina-Mercouri-Preis: Wie das EU-Programm die europäische Kulturpolitik prägt

Vier Jahrzehnte nach der Initiativ-Konferenz der griechischen Kulturministerin in Athen sei das Programm „European Capital of Culture“ zu einem der sichtbarsten kulturpolitischen Instrumente der Europäischen Union geworden — eine Bestandsaufnahme zwischen Bid-Book-Routine, Selection-Panel-Verfahren und Mercouri-Preis.

Eine Athener Idee, die zur Klassifikation wurde

Als die griechische Kulturministerin und frühere Schauspielerin Melina Mercouri im Frühjahr 1985 gemeinsam mit ihrem damaligen französischen Amtskollegen Jack Lang den Vorschlag formulierte, jedes Jahr eine europäische Stadt zur „Kulturhauptstadt“ auszurufen, sei der Gedanke noch ein vergleichsweise informeller intergouvernementaler Vorstoß gewesen. Mit der Resolution des Rates der Kulturminister vom 13. Juni 1985 wurde aus der Idee eine kontinuierliche Programm-Linie. Athen selbst übernahm im Herbst desselben Jahres als erste Stadt den Titel. Aus heutiger Sicht — über vier Jahrzehnte später — habe sich aus diesem ursprünglich symbolischen Akt eine eingetragene EU-Klassifikation entwickelt, die in den Vertragsgrundlagen, in der Verordnung 445/2014 und in den jährlichen Auswahlentscheidungen der Europäischen Kommission verankert ist.

Etat versteht die ECoC-Geschichte nicht als Festakt-Erzählung, sondern als kulturpolitisches Lehrstück. Die Frage, wie eine zwischenstaatliche Idee zu einer durchregulierten Programm-Architektur wurde, betrifft alle DACH-Akteure, die heute städtische Bewerbungen organisieren, Bid-Books schreiben oder kommunale Kulturentwicklungspläne an die Erwartungshorizonte des Selection-Panels anpassen.

Vom Beschluss 1419/1999/EG zur Verordnung 445/2014

Die rechtliche Anatomie des Programms ist heute klar umrissen. Mit dem Beschluss 1419/1999/EG wurde 1999 erstmals ein Rotationsprinzip für die Mitgliedstaaten eingeführt; der Beschluss 1622/2006/EG verfeinerte die Auswahlkriterien, etablierte das siebenköpfige Selection-Panel und führte das Konzept der „europäischen Dimension“ als bewertbares Kriterium ein. Mit der Verordnung 445/2014 schließlich wurde der heute gültige Rahmen für die Aktion „Kulturhauptstadt Europas“ für den Zeitraum 2020 bis 2033 gesetzt. Die Verordnung definiert das Zwei-Phasen-Verfahren (Pre-Selection und Selection), die Zusammensetzung des Expert*innen-Panels, die Monitoring-Pflichten zwischen Titelvergabe und Titeljahr sowie — in Art. 14 — den Melina-Mercouri-Preis.

Dieser Preis sei finanziell überschaubar: Nach Art. 14 VO 445/2014 belaufe sich die ausgeschriebene Summe auf rund 1,5 Millionen Euro je ausgezeichneter Stadt, gespeist aus dem Programm Creative Europe. Gemessen an den Gesamtbudgets, die Titelstädte für ihr ECoC-Jahr aufrufen, sei das eine symbolische Größenordnung — politisch und kommunikativ jedoch sei der Mercouri-Preis das sichtbarste Siegel, mit dem die Europäische Kommission die Einhaltung der im Bid-Book gemachten Zusagen quittiere. Die Auszahlung erfolge in der Regel erst kurz vor Beginn des Titeljahres, nach erfolgreichem Monitoring durch das Panel.

Eine DACH-Chronologie zwischen West-Berlin 1988 und Bad Ischl 2024

Die deutschsprachigen Länder sind im ECoC-Programm überdurchschnittlich präsent. West-Berlin trug 1988 — noch vor der Wende — als erste Stadt im deutschsprachigen Raum den Titel; Weimar folgte 1999 als Stadt der Klassischen Moderne und der Bauhaus-Geschichte. Graz übernahm 2003 als erste österreichische Stadt nach Wien-Premieren-Phasen die Aufgabe und wurde mit dem markanten Kunsthaus zum architektonischen Symbolort des Programms. Linz inszenierte 2009 ein industriekulturelles Profil mit Schwerpunkt auf elektronischer Kultur und Ars Electronica. Mit RUHR.2010 trat erstmals nicht eine einzelne Stadt, sondern eine ganze polyzentrische Region — die Metropole Ruhr mit Essen als titelführender Stadt — als Trägerin auf; dieses regionale Modell habe das Verständnis der „Stadt“ im Programm-Sinn aufgeweicht.

Bad Ischl trug 2024 gemeinsam mit dem Salzkammergut den Titel und brachte erneut eine regional verteilte Trägerschaft in den Vordergrund. Mit Chemnitz folgte 2025 die erste deutsche Titelstadt aus Ostdeutschland nach Weimar 1999 — eine kulturpolitisch beachtete Setzung, die im Zusammenspiel mit der Programmstadt Nova Gorica/Gorizia die geografische Dimension Europas erneut akzentuierte. Die DACH-Bilanz lese sich damit als kontinuierliche Linie: alle paar Jahre eine deutsche oder österreichische Stadt, dazwischen Beteiligungen kleinerer Schweizer Akteure als Partner ohne Trägerschaft, da die Eidgenossenschaft als Nicht-EU-Staat über den assoziierten Status am Programm teilnehme.

Das Selection-Panel als kulturpolitischer Filter

Im Zentrum des Auswahlverfahrens stehe das Selection-Panel: zehn unabhängige Expert*innen, von denen sechs vom Europäischen Parlament, Rat, Kommission und Ausschuss der Regionen benannt würden, während vier weitere Mitglieder vom jeweiligen Mitgliedstaat bestimmt würden. Das Panel bewerte die Bid-Books in den sechs Kriterienkategorien der Verordnung — von der „Beitrag zur Langzeitstrategie“ über „europäische Dimension“, „kulturelle und künstlerische Inhalte“, „Umsetzungskapazität“, „Outreach“ bis zur „Verwaltung“. Die Empfehlung des Panels habe formal beratenden Charakter; faktisch folge der Rat der Europäischen Union ihr jedoch durchgängig.

Diese Panel-Architektur sei für DACH-Bewerberstädte ein eigenes Lernfeld. Bid-Books, die ohne Vertrautheit mit der spezifischen Bewertungsrhetorik des Panels geschrieben würden, scheiterten erfahrungsgemäß früher als jene, die die sechs Kriterien als implizites Inhaltsverzeichnis nutzten. Etat begleitet in dieser Ausgabe die Frage, wie sich die deutsche Bid-Book-Kultur seit Chemnitz 2025 professionalisiert habe und welche Beratungsstrukturen — von der Kulturpolitischen Gesellschaft in Bonn bis zu kommunalen Stabsstellen — sich um Bewerbungen herum gebildet hätten.

Mercouri-Preis und Monitoring-Phase

Der Melina-Mercouri-Preis ist mehr als eine Geld-Größe. Er sei das Konditional-Versprechen der Kommission, dass die titeltragende Stadt die im Bid-Book formulierten Zusagen einhalte. Zwischen der formalen Titelvergabe — meist vier Jahre vor dem Titeljahr — und der Auszahlung des Preises liege eine Monitoring-Phase, in der das Panel die Stadt zwei- bis dreimal besuche, schriftliche Fortschrittsberichte einfordere und kritische Empfehlungen formuliere. Städte, die diese Phase strategisch ignorieren, riskieren Reputationsschäden bis hin zu öffentlichen Mahnungen des Panels.

Die Mercouri-Mechanik habe damit eine erzieherische Funktion gegenüber den lokalen Trägergesellschaften. Sie zwinge die Bewerber, kulturpolitische Zusagen — etwa zu inklusiver Programmgestaltung, regionalen Kooperationen oder zu nachhaltigen Governance-Strukturen nach dem Titeljahr — in nachvollziehbare Meilensteine zu übersetzen. Aus kulturpolitischer Sicht sei dies eines der wertvollsten Elemente des Programms: Es übersetze diffuse Stadtmarketing-Versprechen in messbare kulturpolitische Verpflichtungen.

Europäische Dimension als bewertbares Kriterium

Die „europäische Dimension“ sei das politisch heikelste Kriterium der Bewertungsmatrix. Sie verlange den Nachweis, dass das Programmjahr nicht primär eine städtische Selbstvergewisserung darstelle, sondern strukturelle Kooperationen mit Akteuren aus anderen Mitgliedstaaten organisiere — von Ko-Produktionen mit anderen ECoC-Städten über Residenzprogramme bis zu transnationalen Forschungsverbünden. Die Verordnung 445/2014 nenne dabei keine quantitativen Mindestanforderungen; die Auslegung obliege dem Panel.

Für DACH-Bewerbungen ergebe sich daraus ein wiederkehrendes Muster: Bid-Books, die ihre europäische Dimension allein über Gastspiele und Importprogramme nachzuweisen versuchen, scheiterten regelmäßig in der Pre-Selection. Erfolgreiche Bewerbungen — etwa Bad Ischl 2024 mit dem alpinen Kulturraum oder Chemnitz 2025 mit der mitteleuropäischen Industriegeschichte — hätten die europäische Dimension thematisch verankert, nicht logistisch.

Creative Europe als Finanzierungsumfeld

Das ECoC-Programm sei haushaltsrechtlich Teil des EU-Programms Creative Europe, dessen aktueller Mehrjahres-Finanzrahmen 2021 bis 2027 ein Gesamtvolumen von rund 2,4 Milliarden Euro vorsehe. Der Mercouri-Preis sei nur ein kleiner Posten in diesem Gesamtbudget; größere Anteile flössen in die Programmlinien CULTURE, MEDIA und CROSS-SECTORAL. Für ECoC-Städte sei Creative Europe gleichwohl ein zentraler Ko-Finanzierungspartner: viele transnationale Programmbestandteile würden über CULTURE-Projektförderungen ko-finanziert.

Hinzu kämen die EU-Strukturfonds ESF+ und EFRE, die — je nach Region und Klassifikation — bauliche und programmatische ECoC-Investitionen unterstützen können, allerdings unter den strengen Auflagen des EU-Beihilferechts nach Art. 107 AEUV. Diese Verschränkung von Programm-Förderung und Strukturfonds-Logik macht die Finanzplanung einer ECoC-Bewerbung zu einem hochkomplexen Mehrebenen-Spiel zwischen Kommune, Land, Bund und Kommission.

Die Geografie der Titelvergaben

Eine geografische Betrachtung der bislang etwa siebzig vergebenen Titel zeige eine bemerkenswerte Verteilung. Während das Programm in seiner ersten Phase — bis zur formalen Verstetigung 1999 — primär die kulturellen Metropolen Europas adressierte (Athen, Florenz, Amsterdam, West-Berlin, Paris, Glasgow), habe sich der Schwerpunkt seit Ende der 1990er Jahre zunehmend auf mittelgroße Städte verlagert. Die Auswahl von Liverpool 2008, Pécs 2010, Tallinn 2011, Marseille 2013, Plovdiv 2019 oder Matera 2019 markiere einen kulturpolitischen Paradigmenwechsel: Das Programm werde nicht mehr primär als Bestätigung etablierter Metropolen verstanden, sondern als Transformations-Instrument für strukturschwächere Regionen, für post-industrielle Räume oder für peripher gelegene Mittelstädte.

Diese Entwicklung sei kein Zufall, sondern Resultat einer bewussten Programmsteuerung. Das Selection-Panel habe in mehreren Empfehlungen explizit darauf hingewiesen, dass die transformative Wirkung des Titels in einer kleineren oder strukturschwächeren Stadt deutlich höher ausfallen könne als in einer ohnehin kulturell saturierten Metropole. Für die DACH-Bewerbungslandschaft sei diese Verschiebung bedeutsam: Sie öffne den Titel für Städte wie Bad Ischl, Chemnitz oder mögliche künftige Bewerber jenseits der traditionellen Kulturmetropolen Berlin, Wien oder Hamburg.

Die Rolle des Europäischen Parlaments

Eine institutionelle Eigenheit des ECoC-Programms sei die Mitwirkung des Europäischen Parlaments. Während viele kulturpolitische EU-Programme primär durch Rat und Kommission gesteuert würden, habe das Parlament im ECoC-Verfahren über die Benennung von Panel-Mitgliedern und über die regelmäßige Befassung im zuständigen Kulturausschuss eine eigenständige Rolle. Diese institutionelle Verflechtung sichere eine demokratische Rückkopplung des Programms, die in anderen EU-Förderlinien weniger ausgeprägt sei.

Politisch bedeutsam sei die Rolle des Parlaments insbesondere in Krisenphasen: Wenn Titelstädte ihre Verpflichtungen nicht einhielten, wenn politische Verwerfungen in den Trägergremien Zweifel an der Programmfähigkeit aufkommen ließen oder wenn — wie in Einzelfällen geschehen — Mercouri-Preis-Zahlungen zurückgehalten werden mussten, sei der Kulturausschuss des Parlaments regelmäßig der Ort, an dem diese Fragen öffentlich verhandelt würden.

Vierzig Jahre Programm — und was bleibt

Vierzig Jahre nach Athen 1985 sei die kulturpolitische Bilanz des Programms ambivalent. Auf der einen Seite habe die ECoC-Klassifikation zahlreiche Städte zu Investitionen in kulturelle Infrastruktur, zu Governance-Reformen und zu europäischer Vernetzung bewegt, die sie sonst nicht angestoßen hätten. Auf der anderen Seite stünden die wiederkehrenden Kritiken: zu starke Eventisierung, mangelnde Nachhaltigkeit nach dem Titeljahr, Verdrängung lokaler Szenen durch international vermarktbare Programme.

Hinzu komme die Frage, wie das Programm auf veränderte gesellschaftliche Erwartungshorizonte reagiere. Themen wie ökologische Nachhaltigkeit, Diversität in Programmgestaltung und Trägerstrukturen, Mitbestimmung lokaler Communities, Umgang mit kolonialen Sammlungs- und Erinnerungskulturen seien in den Bid-Books der letzten Bewerbungsrunden zunehmend präsent. Das Panel habe in seinen Empfehlungen mehrfach deutlich gemacht, dass es die Behandlung dieser Themen nicht als Add-on, sondern als integralen Bestandteil der „europäischen Dimension“ verstehe.

Etat wird diese Bilanz in den kommenden Ausgaben weiter aufschlüsseln — entlang konkreter Bid-Book-Analysen, Panel-Empfehlungen und der Frage, wie kommunale Kulturhoheit nach Art. 28 GG mit den Erwartungshorizonten Brüssels in Einklang zu bringen sei. Das Programm bleibt, vier Jahrzehnte nach Mercouri und Lang, ein Lehrstück darüber, wie europäische Kulturpolitik überhaupt möglich ist: nicht durch zentrale Steuerung, sondern durch ein fein austariertes Verfahren aus Verordnung, Panel, Bid-Book und symbolischem Preis. Dass dieses Verfahren über vier Jahrzehnte hinweg trotz aller Erweiterungen, Krisen und Reformen seine Grundarchitektur behalten habe, sei eines der bemerkenswertesten Beispiele europäischer kulturpolitischer Kontinuität.


Ressort: EU-Programm