Chemnitz 2025 und die deutsche Bid-Book-Welt: Wie sich die DACH-Bewerbungen organisieren
Mit der Titelvergabe an Chemnitz für 2025 habe sich gezeigt, wie sich die deutsche Bewerbungs-Infrastruktur seit Essen/RUHR.2010 professionalisiert hat — und welche Lehren Magdeburg, Hannover, Nürnberg und Hildesheim aus ihren Niederlagen gezogen haben.
Eine Stadt mit dem Titel — vier ohne
Im Oktober 2020 entschied das Selection-Panel der Europäischen Kommission, dass Chemnitz die deutsche Kulturhauptstadt Europas 2025 werden solle. Die Konkurrenz war beachtlich: Hannover, Magdeburg, Nürnberg und Hildesheim hatten ebenfalls Bid-Books vorgelegt, einige mit erheblicher kommunaler Vorlaufzeit und prominenten kulturpolitischen Beratungsstrukturen. Die Entscheidung des Panels — und die schriftliche Begründung in den Empfehlungen — sei für die deutsche Bid-Book-Welt eine Wegmarke gewesen. Sie habe ein bestimmtes Verständnis dessen, was eine Bewerbung im Sinne der Verordnung 445/2014 leisten müsse, in einer Weise konkretisiert, wie das vorher nur ansatzweise erkennbar gewesen sei.
Etat blickt in dieser Ausgabe auf die deutsche Bewerbungs-Architektur — nicht aus der Vogelperspektive der Programm-Geschichte, sondern aus der Arbeitssicht jener kommunalen Stabsstellen, Beratungsbüros und Trägervereine, die die Bid-Books tatsächlich schreiben. Die Frage sei nicht, welche Stadt das schönere Konzept gehabt habe, sondern wie sich die Routinen verändert hätten, mit denen deutsche und österreichische Städte heute an eine Bewerbung herangehen.
Vor der Pre-Selection: das Anschreiben an den Bund
Der formale Bewerbungsweg sei in Deutschland zweistufig: Eine interessierte Stadt muss zunächst gegenüber der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) ihr Interesse anzeigen; die BKM koordiniert daraufhin den nationalen Auswahlprozess gemeinsam mit der Kultusministerkonferenz. Erst nach erfolgreicher nationaler Pre-Selection durch das gemischte Panel — bestehend aus den vier vom Mitgliedstaat benannten und den sechs von EU-Institutionen entsandten Expert*innen — könne eine Stadt in die finale Selection-Runde einziehen. Diese nationale Filterstufe sei für viele Kommunen die unsichtbare Hürde: hier scheitern Bewerbungen, die in der medialen Wahrnehmung als „chancenlos“ gar nicht erst sichtbar werden.
Die BKM-Ausschreibung für den deutschen Titel 2025 sei im Sommer 2017 veröffentlicht worden — also rund siebeneinhalb Jahre vor dem Titeljahr. Diese Vorlaufzeit sei kein bürokratisches Beiwerk, sondern strukturell notwendig: Bewerberstädte benötigten typischerweise zwei bis drei Jahre, um die kommunale Trägerschaft zu organisieren, das Bid-Book zu erstellen, die Landesregierung als Ko-Finanzier zu gewinnen und die zivilgesellschaftliche Konsultation durchzuführen, die das Panel inzwischen als implizites Mindestmaß erwarte.
Das Bid-Book als kulturpolitisches Dokument
Ein Bid-Book sei kein Marketing-Folder. Es sei ein vertraglich relevantes Dokument, dessen Inhalte nach Titelvergabe Bestandteil der Monitoring-Verpflichtungen würden. Wer dort Programmlinien, Kooperationen oder Budgetzusagen formuliere, müsse sie später gegenüber dem Panel verantworten. Die Verordnung 445/2014 gebe in Art. 5 die sechs Bewertungskategorien vor; die Kommission habe ergänzend einen umfangreichen Leitfaden („Guide for cities applying for the title of European Capital of Culture“) veröffentlicht, der inzwischen in der dritten überarbeiteten Fassung vorliege.
In der deutschen Bid-Book-Praxis hätten sich aus diesem Rahmen einige typische Formate herausgebildet. Bid-Books deutscher Städte umfassten in der Regel zwischen 80 und 110 Seiten, gliederten sich entlang der sechs Bewertungskategorien und enthielten ein finanzielles Kapitel, das sowohl die Betriebs- als auch die Investitionsseite über mehrere Jahre hinweg darstelle. Die Frage, ob das Bid-Book in deutscher Sprache verfasst werde, mit englischer Übersetzung, oder primär auf Englisch — sei strategisch nicht trivial. Da das Selection-Panel mehrheitlich nicht-muttersprachlich deutsch sei, sei eine professionelle englische Übersetzung Pflicht.
Was Chemnitz richtig gemacht haben dürfte
Die schriftlichen Empfehlungen des Selection-Panels zu Chemnitz 2025 — öffentlich zugänglich über die Kommissions-Website — hoben mehrere Punkte hervor, die das Bid-Book überzeugend gelöst habe. Erstens: die thematische Verankerung in einer transformierten Industrieregion, die jenseits klassischer Hochkultur-Erzählungen eine spezifisch mitteleuropäische Frage stelle. Zweitens: die regionale Einbettung in den umgebenden Kulturraum mit deutlich erkennbarer Partnerstruktur. Drittens: die Bezugnahme auf eine zivilgesellschaftliche Mitwirkung, die nicht als Konsultationsritual, sondern als programmatische Substanz angelegt sei.
Diese Erfolgsfaktoren ließen sich verallgemeinern. Bid-Books, die ihre Stadt als Resonanzraum eines breiteren europäischen Themas lesen — nicht als Sehenswürdigkeit, sondern als Versuchsanordnung — hätten in der Panel-Bewertung systematisch bessere Chancen. Wer hingegen den Titel als Stadtmarketing-Instrument inszeniere, riskiere die Wertung „insufficient European dimension“, die in der Vergangenheit zahlreiche Bewerbungen in der Pre-Selection gestoppt habe.
Die Lehren der Unterlegenen
Hannover, Magdeburg, Nürnberg und Hildesheim hätten in ihren Bewerbungen für 2025 jeweils unterschiedliche Akzente gesetzt — und jeweils unterschiedliche Schwächen offenbart, wie die Panel-Empfehlungen dokumentieren. Hannover habe einen hohen kulturellen Anspruch formuliert, sei jedoch im Punkt „Umsetzungskapazität“ kritisiert worden — die Governance-Struktur sei dem Panel nicht hinreichend klar gewesen. Magdeburg habe mit einem starken zivilgesellschaftlichen Element punkten können, im Punkt „europäische Dimension“ jedoch Schwächen gezeigt. Nürnberg habe ein dichtes Programm-Konzept vorgelegt, dessen Budgetannahmen das Panel als optimistisch bewertet habe. Hildesheim habe als kleinste Bewerberstadt einen mutigen Ansatz gewählt, sei jedoch in der Größenordnung des Trägerapparats hinter den Erwartungen zurückgeblieben.
Diese Befunde seien nicht als Defizit-Liste zu lesen, sondern als kulturpolitische Lehrstücke. Jede unterlegene Bewerbung habe in ihrer Stadt strukturbildend gewirkt — von neuen Festival-Formaten über kommunale Kulturentwicklungspläne bis zu langfristigen Partnerschaften mit anderen europäischen Städten. Die These, eine ECoC-Bewerbung lohne sich nur im Erfolgsfall, sei in dieser Allgemeinheit nicht haltbar.
Beratungsstrukturen rund um die Bewerbungen
Um die deutschen Bid-Books herum habe sich in den vergangenen fünfzehn Jahren ein dichtes Beratungsökosystem gebildet. Die Kulturpolitische Gesellschaft mit Sitz in Bonn — seit 1976 als Verein für kulturpolitische Forschung und Beratung aktiv — habe mehrere Bewerbungen begleitet, ohne selbst als Bewerber aufzutreten. Das Institut für Kulturpolitik der KuPoGe und die Kulturstiftung des Bundes in Halle hätten Forschungsprojekte aufgelegt, die das Bid-Book-Schreiben methodisch fundieren. Hinzu kämen private Beratungsbüros, häufig geführt von ehemaligen ECoC-Mitarbeiter*innen, die als Externe in die kommunalen Stabsstellen geholt würden.
Diese Beratungs-Schicht sei kulturpolitisch nicht trivial. Sie professionalisiere die Bewerbungen, könne aber auch zu einer gewissen Homogenisierung der Bid-Books führen. Wer mehrere deutsche Bewerbungen der letzten Jahre nebeneinanderlege, erkenne wiederkehrende Argumentationsfiguren, ähnliche Kapitelstrukturen, vergleichbare Vokabular-Sets. Das Panel habe in mehreren Empfehlungen subtil zu erkennen gegeben, dass es eine zu sichtbare Beratungs-Handschrift skeptisch bewerte.
Österreich: Bad Ischl und die regionale Trägerschaft
Während die deutsche Bewerbungswelt eher städtisch geprägt sei, habe Österreich mit Bad Ischl 2024 einen anderen Weg vorgezeichnet: die regionale Trägerschaft eines ganzen Salzkammergut-Raums, in dem Bad Ischl als titelführende Stadt fungierte, aber zahlreiche Gemeinden und Landschaftsräume als Programmpartner mitwirkten. Diese Konstruktion sei für ländlich geprägte Bewerbungen modellbildend geworden. Sie löse das Problem, dass viele europäische Mittelstädte allein nicht über die kulturelle Substanz verfügten, ein ECoC-Jahr zu tragen, ihre Region jedoch sehr wohl.
Für die DACH-Diskussion habe Bad Ischl gezeigt, dass die Verordnung 445/2014 eine erstaunliche Flexibilität in der Definition der „Stadt“ zulasse — solange die Trägerschaft juristisch eindeutig sei und das Bid-Book die geografische Logik nachvollziehbar mache. Künftige deutsche Bewerbungen — etwa aus dem mittelbayerischen Raum oder aus Schleswig-Holstein — könnten an dieses Modell anschließen.
Die Schweiz als assoziierter Partner
Die Schweiz nehme als Nicht-EU-Staat über ein assoziiertes Abkommen am Creative-Europe-Programm teil. Eine schweizerische Stadt könne den Titel „Kulturhauptstadt Europas“ nicht eigenständig tragen — wohl aber im Rahmen einer Drittstaaten-Kooperationsregel des Programms, die für bestimmte Programmlinien geöffnet sei. In der Praxis bedeute dies, dass Schweizer Akteure regelmäßig als Programmpartner deutscher und österreichischer Titelstädte auftreten, ohne selbst Trägerschaft zu beanspruchen.
Diese Konstellation präge die DACH-Kulturpolitik subtil. Sie verleihe der deutschen und österreichischen Bewerbungs-Praxis eine grenzüberschreitende Dimension, die in vielen Bid-Books unter „europäische Dimension“ wirksam würde, ohne formal ein EU-internes Element zu sein.
Governance-Strukturen der Trägergesellschaften
Eine in deutschen Bid-Books oft unterschätzte Dimension sei die Governance-Struktur der zukünftigen Trägergesellschaft. Das Selection-Panel verlange in der Bewertungsmatrix der Kategorie „Umsetzungskapazität“ einen plausiblen Nachweis, dass die Stadt nach Titelvergabe operativ in der Lage sei, das Programmjahr zu organisieren. Dies bedeute konkret: eine eigenständige Rechtsperson (typischerweise GmbH oder eingetragener Verein), eine handlungsfähige Geschäftsführung, eine fachlich qualifizierte künstlerische Leitung, einen mit Kommunal-, Land- und Bundesvertretern besetzten Aufsichtsrat und eine personell ausreichend bemessene Programmstruktur.
In der deutschen Praxis hätten sich hier zwei Modelle herausgebildet. Das erste — vorzugsweise von größeren Trägerstädten gewählt — sehe eine kommunal beherrschte gGmbH vor, in deren Gesellschafterversammlung die Stadt eine Mehrheit halte, während Land und Bund Minderheitenbeteiligungen übernähmen. Das zweite Modell — typischerweise bei regional verteilten Trägerschaften — operiere mit einem Trägerverein, in dem die beteiligten Gemeinden und das Land über die Mitgliederversammlung Einfluss nähmen. Beide Modelle hätten ihre rechtlichen und kulturpolitischen Vor- und Nachteile; das Selection-Panel bewerte sie neutral, solange die Handlungsfähigkeit gesichert sei.
Kommunikations- und Marketing-Konzeption
Eine eigene Kategorie der Bewertungsmatrix sei die „Outreach“-Dimension — also die Kommunikations- und Beteiligungs-Konzeption einer Bewerbung. Wie erreiche das Programmjahr die lokale Bevölkerung jenseits der etablierten Kulturpublika? Wie binde es Schulen, Stadtteilinitiativen, migrantische Communities, ältere und jüngere Generationen ein? Wie kommuniziere es seine Programmlinien im DACH-Raum und darüber hinaus europaweit?
Diese Fragen seien für Bid-Books schwer zu beantworten, weil sie vier Jahre vor dem Titeljahr noch weitgehend hypothetisch beantwortet werden müssten. Erfolgreiche Bewerbungen hätten sich daher zunehmend auf konkrete Vorlauf-Projekte gestützt: Programmlinien, die bereits in der Bewerbungsphase aktiv liefen und damit empirisch belegten, dass die Stadt die formulierten Outreach-Versprechen einlösen könne. Diese Vorlauf-Strategie sei in den jüngeren deutschen Bewerbungen — auch in Chemnitz 2025 — zu einem etablierten Element geworden.
Was sich für 2030 abzeichnet
Mit Blick auf den nächsten deutschen Titel 2030 — die nationale Pre-Selection sei nach gegenwärtigem Stand für die Jahre 2024 und 2025 vorgesehen — zeichne sich eine veränderte Bewerbungslandschaft ab. Etat wird die laufenden Vorbereitungen in den kommenden Ausgaben begleiten, ohne die Identität konkreter Bewerberstädte vorwegzunehmen. Die strukturellen Fragen aber stehen schon jetzt: Wie reagiere die Bid-Book-Welt auf die schärfere Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit, mit Beteiligung, mit der „europäischen Dimension“ in Zeiten geopolitischer Brüche? Welche Rolle nehme die zivilgesellschaftliche Mitwirkung ein, wenn Vertrauen in kommunale Institutionen schwinde?
Chemnitz 2025 hinterlasse, jenseits des Titeljahres selbst, eine veränderte deutsche Bewerbungskultur. Die nächste Welle deutscher Bid-Books werde an seinen Maßstäben gemessen werden — und an den Lehren, die Magdeburg, Hannover, Nürnberg und Hildesheim mit ihren Niederlagen für die Allgemeinheit kulturpolitisch hinterlassen haben.